Domherr aus Feldhausen ließ Hochofen bauen
von Friedhelm Wessel
Gottlieb Jacobi und Franz Haniel blicken heute mit steinernen Mienen auf das Anwesen herab, in dem vor 250 Jahren alles begann: Auf die St. Antony-Hütte in Osterfeld. Dabei sind die Namen Jacobi und Haniel eng mit der Wiege der Ruhrindustrie in der Nachbarstadt Oberhausen verbunden. Doch als eigentlicher Gründer der ersten Eisenhütte im Ruhrgebiet gilt Domkapitular Franz Ferdinand von der Wenge, der damals in Feldhausen lebte. Er beantragte bereits 1741 beim zuständigen Erzbischof zu Münster die Erlaubnis zum Bau einer Schmelze zwischen Osterfeld und Buer. Denn zu jener Zeit gehörte dieser Bereich noch zum Vest Recklinghausen.
Der Münsteraner Domherr, der in Feldhausen lebte, beauftragte 1757 Jean Antony von Graes mit dem Bau eines 6,70 Meter hohen Hochofens und eines Windgebläses, das von einem riesigen Wasserrad angetrieben wurde. Zuvor musste Franz Ferdinand von der Wenge (1707 bis 1788) aber etliche Widerstände überwinden. Das Gericht zu Dorsten untersagte ihm zunächst den Bau der Hüttenanlage, weil das sich in der Nähe befindliche Kloster schon damals große Umweltschäden voraus sah. Äbtissin Marie Sophie von Wrede (1729 bis 1799) befürchtete, dass der Elpenbach, an dessen Ufern die St. Antony-Hütte liegen sollte, das Wasser stark verschmutze. Die Kraft des Elpenbaches wurde nämlich nicht nur zum Antrieb der Windanlage, sondern auch zur Wäsche des angelieferten Raseneisenerzes genutzt. Die adeligen Damen aus dem Sterkrader Kloster waren aber auf das Wasser des Elpenbaches angewiesen. Es wurde zum Waschen, Backen, Kochen und zur Fischzucht genutzt. Doch alle Proteste der ersten bekannten Umweltaktivistin aus der neuen, danach weltgrößten Industrieregion, Marie Sophie von Wrede, halfen nichts: 1758, als vor genau 250 Jahren, wurde erstmals der Hochofen, der mit heimischen Erzen und Holzkohle aus den nahen Wäldern befeuert wurde, angestochen. Damit wurde das industrielle Zeitalter im Gebiet zwischen Ruhr und Lippe endgültig eingeläutet.
Die Gewinnung des von Eisen und danach auch von Kohle konnte nun nichts mehr aufhalten. Die St. Antony-Hütte – die Namensgebung ist immer noch nicht ganz geklärt – durchlebte eine wechselvolle Geschichte. Nur wenige Wochen im Jahr lief die Anlage auf Hochtouren, denn es fehlte häufig an den notwendigen Rohstoffen. Zunächst wurden in Osterfeld von den etwa 80 Mitarbeitern Töpfe, Pfannen, Rohre und Munition (Kugeln) hergestellt. 1877 kam aber das endgültige Aus für den ersten Hochofenbetrieb im Ruhrgebiet. Doch mittlerweile kümmerten sich die Familien Jacobi, Haniel, Huyssen, Grillo, Harkort, Lueg, Stinnes, Hoesch und Krupp um die sehr gewinnträchtige Schwerindustrie.
Die ehemalige Hochofenanlage im Tal des Elpenbaches, im Volksmund auch „Gottesgnadenhütte genannt - ist heute ein Museum. Erhalten sind noch des 1758 erbaute Wohnhaus des ersten Hüttenleiters Gottfried Jacobi., ein Kontorgebäude und der idyllische Hüttenteich. Vor zwei Jahren begannen im Umfeld der „Wiege der Ruhrindustrie“ die ersten Ausgrabungen. Bisher wurden die Fundament des 1757 erbauten Hochofens freigelegt. Dort soll nun ein archäologischer Park entstehen. Hier haben auch die beiden Gründerväter der späteren Gutehoffnungshütte (GHH- danach MAN) Jacobi (1770 bis 1823) und Haniel (1779 bis 1868) ihre Ehrenplätze gefunden. Nur ein steinernen Monument des einstigen, weitsichtigen Domherren aus Feldhausen, Franz Ferdinand von der Wenge, fehlt leider in diesem erlauchten Kreis.